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Aufstand der Hungrigen

15. April 2008

Die Massenproteste in Entwicklungsländern gegen den globalen Hunger der vergangenen Tage verweisen auf zentrale Missstände der gegenwärtig weltweit betriebenen Klimapolitik. Erstens: für das komplexe Problem des anthropogenen Klimawandels gibt es keine einfache, rein technische Lösung. Zweitens: Klimapolitik hat nicht bloß ökologische, sondern weiterhin soziale Gerechtigkeitskriterien zu erfüllen. Mitigation und Adaptation – also die Verhinderung oder die Begrenzung der globalen Erderwärmung und die Anpassung an die negativen Folgen desselben, insbesondere für Entwicklungsländer – müssen zusammen gedacht werden.

Nicht zufällig waren die Protese in Ländern wie Bangladesh oder Haiti am lautesteten, die am stärksten mit den verheerenden Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben. Trinkwasserknappheit und anhaltende Dürreperioden tragen schon jetzt zu einer Verteuerung der globalen Nahrungsmittelpreise bei, dies wird sich in den kommenden Jahrzehnten noch verstärken. Laut Weltbank sind die Preise für Nahrungsmittel in den verganen drei Jahren um insgesamt 83 % gestiegen. Mit Schuld an dieser Explosion ist mit der Subventionierung der Umwandlung von Nahrungsmitteln in Agrartreibstoffe ironischerweise die Klimapolitik der westlichen Staaten.

Die von den Industrieländern zugesicherten zusätzlichen 500 Millionen Dollar für das Ernährungsprogramm der Weltbank stellen einen völlig ungenügenden kosmetischen Eingriff dar, der die strukturellen Probleme hinter dem Welthungerproblem (Agrarsubventionen, Massenproduktion von Biosprit, globale Finanzspekulationen mit Agrarrohstoffen, Klimawandel etc.) eine Weile verdecken vermag. Dass die EU-Umweltminister ihr Ziel, den Anteil von Biosprit am Gesamttreibstoff bis 2020 auf 10 % zu erhöhen, am vergangenen Wochenende bekräftigten, zeugt von einer gehörigen Portion schwarzen Humor.

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3 Kommentare

  1. Warum wird wieder mal nur der Biosprit angeprangert und nicht die ungezügelte weltweite Mobilität? Diese ist eine der wahren Ursachen. Der Fleischkonsum und die durch Großkonzerne zerstörte Infrastruktur in den Entwicklungsländern sind meines erachtens die wahren Ursachen. Biosprit läßt das Faß vielleicht überlaufen aber gefüllt wurde es von anderen… wer wohl hinter diesen Kampagnen steckt??? Ein Schelm wer böses denkt.


  2. Weltweite Mobilität ist ein Riesenproblem – da hast Du vollkommen Recht. (Das haben wir übrigens schon früher auf dieser Seite aufgegriffen, s. Kategorie „Welthandel“) Aber Biosprit wird doch gerade als Arguement genutzt, damit man nicht über Strukturen im Verkehr reden muss, und auch nach dem Ende des Öls weitermachen kann wie bisher. Deswegen muss man aus meiner Sicht beides kritisieren.


  3. Hallo Chris,
    ich glaube dennoch dass es ein wenig zu kurzschlüssig ist, die Kette aufzumachen: Klimapolitik > Biosprit > Nahrungsknappheit > Hunger.
    Zum ersten Teil: Das Groß der Biospritproduktion, die auf die Weltagrarmärkte durchschlägt, ist die Umwandlung von amerikanischem Mais in Äthanol. Damit sind einfach dort nicht mehr die enormen Überschüsse da, die man früher per offener oder versteckter Exportsubvention auf den Weltmärkten abgesetzt hat und die dann die Preise runtergedrückt haben. Wer die amerikanische Debatte um Äthanol auf Mais verfolgt wird aber erkennen, dass das Hauptmotiv dort nicht Klimapolitik ist, sondern Importunabhängigkeit. Man will sich von importierten Öl unabhängiger machen. Wenn man böswillig ist, kann man das auch Energieautonomie im Scheerschen Sinne nennen. Das, und nicht die KLimapolitik treibt die amerikanische Äthanolpolitik an (und daher wird auch nicht brasilianisches Äthanol aus Zuckerrohr eingekauft, das viel billiger wäre).
    Zum zweiten TEil der Kette: Die Knappheit auf dem Weltagrarmarkt ist stärker durch die Kaufkraft von großen Schichten in China bestimmt, die sich nun Fleisch kaufen können was bisher kaum der Fall war. Vorher haben dort viele Millionen aus Armut weitgehend vegetarisch gelebt. Es ist diese Fleischnachfrage, die die Getreidenachfrage auf den Agrarmärkten stärker treibt als die Biospritproduktion.
    Das alles soll jetzt nicht dazu dienen, den Unsinn einer forcierten Biospritquote in der EU zu rechtfertigen. Aber fairerweise muss man den Sachverhalt schon so differenziert darstellen.



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