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Europa greift nach Wüstenstrom

6. Mai 2008

Solarthermiekraftwerk in ArizonaDer Mann am Tresen redet sich in Rage. Das macht er nach ein paar Bier gerne mal. Wild gestikulierend erklärt er seinen Zuhörern die Weltlage. Das Thema seines heutigen Vortrags: Der Klimawandel. Die Politik mache doch eh was sie wolle… und dann die Amerikaner. Dabei gebe es eine einfache Lösung für all die Probleme mit Energie und Klima und überhaupt: „Wenn man einfach die Sahara mit Solaranlagen zupflastern würde, wären die Energiesorgen der Industrieländer gelöst und der Klimawandel gestoppt.“

Was zunächst anmutet wie eine wirre Stammtischphantasie beschäftigt seit einigen Jahren zahlreiche Wissenschaftler aus Europa und den Mittelmeeranreinerstaaten, die in der Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC) organisiert sind. Hiervon berichtet ein vor kurzem auf Spiegel Online erschienener Artikel:

„Die Idee: Die sonnenreichen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens bauen in ihren Wüsten Spiegel-Kraftwerke und produzieren Strom. Mit der Restwärme der Kraftwerke könnten sie außerdem Meerwasser-Entsalzungsanlagen betreiben – für diese wasserarmen Länder wäre Trinkwasser in großen Mengen eine bedeutende Hilfe. Und sie erhielten ein wertvolles Exportgut: umweltfreundlich erzeugten Strom.“

Bereits eine Fläche der Größe Österreichs sei ausreichend, um die gesamte Welt mit sauberer Energie von Desertec zu beliefern. Die Technik hierfür sei mit Parabolspiegel-Kraftwerken und Hochspannungsgleichstromleitungen bereits entwickelt. Allein mangele es an politischem Durchsetzungswillen – und an ökonomischem Interesse. Denn ein Problem sei bislang der hohe Preis des durch Solarthermie gewonnenen Stroms. Erst ab 2020 sei der Strom aus der Wüste mit fossiler Energie konkurrenzfähig. Fraglich ist, wer die Kosten für den Bau von Kraftwerken und Leitungen tragen soll:

„Bis zum Jahr 2050 wären etwa 400 Milliarden Euro nötig, um so viel Solarthermie-Kraftwerke zu bauen, dass Europa 15 Prozent seines Strombedarfs damit decken könnte. […] Zu viele Fragen sind noch unbeantwortet: Wer sollte das Stromnetz finanzieren? Wem würde es gehören? Kann man sich auf einen gemeinsamen garantierten Einspeisetarif für solarthermischen Strom einigen?“

Aus Wirtschaftsperspektive erscheint die Möglichkeit einer zentralisierten Solarstromproduktion nach dem Ende des fossilen Zeitalters sicherlich verlockend. Nicht zuletzt der dezentrale Charakter von regenerativen Energieformen ist es, der Elmar Altvater zu dem Schluss kommen lässt, dass mit diesen keine kapitalistische Wirtschaftsweise westlicher Art aufrechtzuerhalten sei. Solarthermie-Strom aus der Wüste könnte abhilfe verschaffen.

Ob Großprojekte wie Desertec eine echte klimapolitische Perspektive darstellen ist jedoch fragwürdig. Zunächst käme die Umstellung auf den Wüstenstrom (15 % Stromanteil bis 2050) viel zu spät, um den Klimawandel in einem für Menschheit und die Natur verträglichen Ausmaß zu halten. Die wirkliche Umsetzung ist darüber hinaus fraglich, denn hierfür bedürfte es eines immensen staatliches Engagements. Eine solche staatliche Intervention steht jedoch im krassen Gegensatz zur aktuell betriebenen Klimapolitik, die auf Eigenverantwortlichkeit, wenig Regulation und Marktinstrumente setzt. Der zentralistische Charakter der Stromerzeugung fördert weiterhin die Aufrechterhaltung undemokratischer Monopole in der Energiewirtschaft. Letztlich würden mit Desertec bestehende Globale Ungerechtigkeiten festgeschrieben – Auf der einen Seite der Westen als Energiekonsument, auf der anderen Seite einige profitierende Energielieferanten und ein Großteil an Staaten, die aufgrund von Kapital- und Technologiemangel von Entwicklung ausgegegrenzt blieben.

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4 Kommentare

  1. Ich weiss nicht ob „Links sein“ darin besteht, möglichst in allem und jedem ein Problem zu finden. Ich finde, „Links sein“ besteht darin, die Welt zu verändern, zum Besseren. Und sein es auch nur graduell besser.
    Probleme lassen sich viele finden. Atomenergie ist gefährlich, das wissen wir. Kohlekraft ist ein Klimakiller, und Öl und Gas sind es in abgestufter Weise auch. Wasserkraft stört die Fische am Wandern, an der Windkraft stören sich einige wg. Verschandelung des Landschaftsbilds und Störungen für Vögel oder (Offshore) Schweinswale, Biomasse ist auch ganz schlecht für den Welthunger, und Solarenergie – nun ja, die böse Sonnenenergie aus der Wüste wollen wir auch nicht (s.o.).
    Ein kritischer Geist in allen Ehren, aber mit dieser Mentalität schaffen wir die notwendige Klimawende sicher nicht. Ich denke, auf diese Desertec-Vision sollten wir mit kritischer Sympathie zugehen, denn sie könnte ein Baustein einer weltweiten Energiewende sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    Die Klimawende wird uns ganz, ganz viele Kompromisse abverlangen, Zielkonflikte lauern an jeder Ecke. Wer mit Zielkonflikten nicht umgehen kann und keine Kompromisse schliessen kann, macht sich letztlich politikunfähig. Da bleibt einem dann noch die ehrenvolle Rolle des einsamen Rufers, der es schon immer besser gewusst hat. Aber so richtig spannend ist das auch nicht.


  2. Ich weiss nicht, kann mir aber denken, dass wer hunderte von Quadratkilometer Wüste verspiegeln will sich auch mal erst keine Gedanken macht über die Zugvögel die da jedes Jahr durchziehen. Man könnte aber doch schon mal hochrechnen wieviele Vögel und welche Arten im Bestand dezimiert oder als Art im Ueberleben gefährdet werden, weil

    a. die Vögel von den Spiegel gestört werden, z.B vom Kurs abkommen
    b. gesundheitlich geschädigt oder getötet werden.

    Man sollte sich darüber auch seine Gedanken und Untersuchungen machen, bevor man zu viel Geld und Planungsenergie in solche Projekte investiert.

    Spannend wird es weil in Naturschutzkreisen (Bsp. Greenpeace) wohl auch gespaltene Lager auftreten werden, weil diese ja zuerst gegen Atomenergie und erst dann für die Natur und ihre Kreaturen sind.


  3. .


  4. Kommentar zu ’Strom aus der Wüste – Desertec’
    Erst einmal: Meine Einstellung zu dem Projekt ist positiv.
    Hier zeigen Text und Kommentare wieder einmal wie kurzfristig und einseitig viele Dinge betrachtet werden. Jörg hat da schon recht mit seinem Kommentar, dass man kritisch sein nicht übertreiben darf.
    Dass ein paar tausend Vögel gefährdet werden sollen durch solche Anlagen mag ja stimmen. Aber werden diese paar tausend Vögel nicht gefährdet, wenn alles beim Alten bleibt? Dann werden diese Vögel – neben anderen Lebewesen – halt nicht ausgerottet, weil sie sich verfliegen, sondern weil sie keine Nahrung mehr finden. Übrigens wird mit fast dem gleichen Argument auch Stimmung gegen Windkraft gemacht.
    Interessanter ist das Argument, dass solche riesigen Investitionen nicht dem ‚Zeitgeist‘ entsprechen: ‚Eine solche staatliche Intervention steht jedoch im krassen Gegensatz zur aktuell betriebenen Klimapolitik, die auf Eigenverantwortlichkeit, wenig Regulation und Marktinstrumente setzt.‘ Wenn man sich nur auf Eigenverantwortlichkeit, wenig Regulation und Marktinstrumente verlassen würde, würde gar nichts passieren! Das beste Beispiel ist immer noch die Einführung des geregelten Katalysators bei den Kfz. Ohne staatlichen Zwang wäre es viel langsamer geschehen – wenn überhaupt! Und will man tatsächlich behaupten, Sonnenanlagen, Windkraftanlagen usw. begannen sich durchzusetzen aufgrund von Eigenverantwortlichkeit und Marktinstrumenten???
    Und ‚undemokratische Monopole‘ in der Energiewirtschaft gibt es ja erst in Deutschland nachdem diese privatisiert wurde. Es gab mal auch in der Bundesrepublik Deutschland Zeiten, da gehörte die Energieerzeugung der Bevölkerung! Hier kommt wieder die prinzipielle Frage zum tragen, ob privatwirtschaftliche Lösungen für Aufgaben, welche die Allgemeinheit betreffen, wirklich am besten geeignet sind. In der Regel wird vergessen, dass private Unternehmen Gewinn erwirtschaften müssen. Daher müsste sich die EU überlegen, ob solche Aufgaben wie Desertec (und auch die Einnahmen davon) nicht Sache des Staatenbundes sind. Die EU kann die Summen, die hierfür nötig sind, noch am ehesten aufbringen, die EU kann am ehesten mit den betroffenen Staaten verhandeln und für eine gerechte Verteilung der Einnahmen sorgen. Um dies zu erreichen, müsste jedoch die Bevölkerung der EU endlich einsehen, dass die reine Marktwirtschaft kein Allheilmittel ist und entsprechende Parteien abwählen bzw. Parteien ins Parlament wählen, die für einen Mittelweg zwischen Marktwirtschaft und reiner Staatswirtschaft sind.



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